Amerikanische Bluegrass Band für 350 Schüler in Bühl/Baden |
Bluegrass ist nicht als alltäglicher Unterrichtsstoff in Schulen vorgesehen. Am Mittwoch, den 11. Juli 2007 genossen jedoch 350 Schüler der Klassen 7 bis 11 aus diversen Schulen (Gymnasium, Realschule, Hauptschulen) in Bühl/Baden eine volle Zeitstunde Bluegrass-Unterricht mit Valerie Smith & Liberty Pike. Man traf sich im Bürgerhaus Neuer Markt, wo im Mai immer das internationale Bluegrass Festival stattfindet. Anhand unterschiedlicher Musikbeispiele und entsprechender Erläuterungen zeigte die Band den Schülern die Herkunft des Bluegrass, sein Instrumentarium, seine variantenreichen Gesangsstile und holte einzelne Schüler mit auf die Bühne. Die Idee hatte Karl Heinz Siber, der Valerie bei ihrer kurzfristig angesagten Deutschlandtournee behilflich war. Er rannte mit seiner Idee offene Türen ein bei Walter Fuchs und der Stadt Bühl, die vom Gedanken begeistert waren, den Bluegrass exklusiv einem jugendlichen Publikum zugänglich zu machen. Rasch waren die Verbindungen zu der örtlichen Lehrerschaft hergestellt, zu der auch Musiklehrer Bernfried Adler gehört, selbst Gitarrist, Banjo-Spieler und Steel-Gitarrist, insbesondere bei der Country Band “Southbound”. Um 10.30 Uhr traf man sich im Saal des Bürgerhauses, der für eine Stunde in einen überdimensionalen Musikhörsaal verwandelt wurde. Mit viel Elan ging Valerie Smith die Sache an, die in den USA ähnliche Veranstaltungen auch wahrnimmt. Nach dem Lied “Dandy Darling” berichtete Valerie aus der Geschichte des Bluegrass, die 1946 mit Bill Monroe aus Rosine, Kentucky begonnen hatte. Gospel, Blues, die Old Time Stringband Musik und deren Vorläufer, der Irish Folk, bilden die Wurzeln des Bluegrass. Man erfuhr, dass der Vater des Bluegrass, Bill Monroe, als einziger Bluegrass-Musiker Mitglied der Rock’n’Roll Hall Of Fame ist, weil er einen wichtigen Stil der amerikanischen Musik kreiert hat und seine Komposition “Blue Moon Of Kentucky” vom King des Rock’n’Roll, Elvis Presley, aufgenommen wurde. Brandon Bostic sang sodann dieses Lied. Das Instrumentarium beinhaltet den Kontrabass, dessen unterschiedliche Spielweisen Bobby Davis exemplarisch herausarbeitete. Während der Bass für den Rhythmus, den Beat, einer Band verantwortlich ist, steht die Mandoline für den Off-Beat und wird häufig als Soloinstrument eingesetzt. Ursprünglich aus Italien stammend hat das Instrument in den USA seine Form verändert. Bill Monroe ergriff in jungen Jahren die Mandoline, da seine älteren Geschwister die anderen Saiteninstrumente bereits für sich in Anspruch genommen hatten. Mit der Übernahme etlicher Blues-Licks holte er viele afrikanische Einflüsse in sein virtuoses Spiel und damit in den Bluegrass. Becky Buller, deren Namen von Bühler wie Bühl/Baden abgeleitet wird, erläuterte gekonnt das kleine achtsaitige Instrument, das manche gerne als Stehbass für Kleine oder gar als getrocknetes Eichhörnchen bezeichnen. Mit seinem Stil hatte Bill Monroe in den 40-er Jahren das Spiel auf der Mandoline komplett erneuert und eine Revolution in der Musik ausgelöst. Dobro-Virtuose Chad Graves erläuterte sodann die akustische Gitarre, die in der Band von Bill Monroe, den Bluegrass Boys, 1946 von Lester Flatt übernommen und zum Soloinstrument gemacht wurde. Brandon Bostic stellte den zusammen mit Lester Flatt zu den Bluegrass Boys gekommenen Earl Scruggs vor, der den Dreifinger-Stil auf dem fünfsaitigen Banjo in den Bluegrass einbrachte. Das von den Afrikanern in die USA eingeführte Instrument gibt dem Bluegrass die Würze, meinte Valerie Smith. Der bekannte “Foggy Mountain Breakdown” erklang zur Demonstration der Wirkung des Banjos. Am Ende der Stunde konnte Becky Buller noch das Frailing vorstellen, den alten Claw-Hammer-Stil auf dem Banjo, der nur mit den Fingern gespielt wird. Chad Graves stellte auch noch seine Resonatorgitarre vor, als Resophonic Guitar oder auch Dobro bekannt. Zwei Brüder aus der Slovakei, die Dopyera Brothers John und Rudy, fügten im Kalifornien der 20-er Jahre den Resonator zur akustischen Hawaiian Steel Guitar hinzu, die dadurch einen lauteren und veränderten Klang erhielt. Josh Graves, nicht verwandt mit Chad Graves, spielte ab den 50-er Jahren dieses Instrument in der Band von Lester Flatt & Earl Scruggs und trug so seinen Teil zur musikalischen Revolution jener aufregenden Zeit bei. Mit Hilfe des Dobros lässt sich im Bluegrass herrlich die Blues-Atmosphäre aufbauen. Der “Wabash Cannonball” wurde als Hörbeispiel eingestreut. Abschließend vertrat Becky Buller die Ansicht, dass die Fiddle das schönste Instrument des Bluegrass sei, ursprünglich als Violine bekannt. Mit ihrer Hilfe kann man die irischen Einflüsse des Bluegrass besonders gut darstellen und als Klassiker der Fiddle-Musik stellte sie den “Orange Blossom Special” vor, die Vertonung einer Fahrt jenes legendären Zuges, der an der Ostküste der USA von Florida bis hoch nach Maine unterwegs war. Die Zugpfeife lässt sich mit der Fiddle ebenfalls künstlerisch umsetzen. Valerie Smith drückte einem Schüler eine Mandoline in die Hand, gab einige Infos zu den Griffen und so durfte er auf der Bühne gleich mitspielen, ehe es um den „High Lonesome Sound“ ging, den von Bill Monroe kreierten Gesangsstil des ursprünglichen Bluegrass, hoher Falsettgesang. Über Harmoniegesang lässt sich viel Variation in die Darbietung einer Band bringen, Duett, Trio oder Quartett. Bei den in den USA häufig „open air“ stattfindenden Bluegrass Festivals, so berichteten die Künstler, sitzen oft ganze Familien unter einem Baum und zupfen auf mitgebrachten Instrumenten. Als Beispiel für Bluegrass-Gospel, bei dem der Gesang im Quartett besonders häufig vorkommt, sang die Band “Make Him A Soldier”. Gegen Ende der Unterrichtsstunde erwähnte die Band den Film “O Brother Where Art Thou”, über dessen Soundtrack-CD die Bluegrass Musik vielen Millionen von Hörern vertraut wurde. “Man Of Constant Sorrow” aus diesem Film erklang und man dokumentierte, dass über Flatt & Scruggs & The Foggy Mountain Boys der Bluegrass bereits in den 60-er Jahren ins Bewusstsein des Fernsehpublikums gelangt war, über die Serie “The Beverly Hillbillies” und dem Song “The Ballad Of Jed Clampett”. Chad Graves sang diesen Hit im relaxten Stil von Lester Flatt. Valerie Smith & Liberty Pike stehen für Contemporary Bluegrass, eine moderne Spielweise, die Singer-Songwriter-Kunst integriert und andere Gesangsstile als den High Lonesome Sound zulässt, ferner mehr und mehr instrumentelle Freiheiten, wobei Improvisation schon immer zum Bluegrass gehörte, vergleichbar mit dem Jazz. Karl Heinz Siber bedankte sich für die Aufmerksamkeit und Begeisterung, mit der die Schüler die Darbietung aufnahmen. Er stellte Brandon Bostic vor, der einer von ihnen sein könnte, denn er ist nur zwei Wochen zuvor 18 Jahre alt geworden und hat gerade das Abitur bestanden. Mangels anderweitiger Beschäftigungsmöglichkeiten übe er so viel, dass er schon mehrere Instrumente spiele und nun Musikprofi sei, meinte Brandon auf entsprechende Nachfrage. Die Fragerunde förderte zu Tage, dass es in einem Tourbus aufgrund des Gepäcks immer eng zugeht und mündete schließlich in eine Tanzstunde. Clogging war angesagt, der Nationaltanz des Bundesstaates Kentucky. Die Band spielte, z.B. “In Those Mines” und “Angeline Baker”, Valerie holte sich aus dem Publikum Schüler auf die Bühne, die mittanzen durften. Was zunächst zaghaft ausgeführt wurde, klang beim Verlassen des Saals schon als Superleistung der Jugendlichen, cool fanden sie das alles und etliche holten sich noch rasch Autogramme oder liessen sich zusammen mit Valerie Smith fotografieren. “Wunderbar” war Valerie’s Schlusswort und das darf so auch über die gesamte Veranstaltung gesagt werden, die eine tolle Werbung für die Bluegrass Music war und die dem 6. Internationalen Bühler Bluegrass Festival am Samstag, 03. Mai 2008, vielleicht sogar zum Überspringen der 850-Zuschauermarke helfen wird. (Friedrich Hog) |